Samstag, März 7 2026

Transatlantik Überfahrt

Ca 4–5 Meter hohe Wellen hat es laut Kapitän während den ersten Tagen auf See. Ganz schön hoch, das ist ja nur die Amplitude. Das heisst vom tiefsten bis zum höchsten Punkt der Welle sind es 8-10 Meter. Ein ziemlich grosses Haus. Angesichts dessen spürt man auf unserem Schiff erstaunlich wenig vom Unwetter draussen. Wir sind auf der Norwegian Epic, ein Koloss von einem Schiff. Mit ihren 329m Länge und 20 Stockwerken wirken die durchaus grossen Wellen weniger imposant. Was zum Teufel machen aber wir auf einem Kreuzfahrtsschiff? 

Schon vor Jahren hatte ich Erfahrungsberichte gelesen, in denen Menschen fast leere Kreuzfahrtschiffe für eine Transatlantiküberfahrt genutzt haben. Viele Schiffe verbringen nämlich den europäischen Sommer im Mittelmeer und den Winter in der Karibik. Dies bedeutet zwei Überfahrten, die sie „so oder so“, unabhängig der Anzahl Passagiere machen müssen. Für uns hiess das, so ein Mittel zur Überfahrt zu finden, das potentiell weniger umweltschädlich sein könnte und uns entschleunigt näher zum Ziel bringt. 

Ursprünglich wollten wir auf unserem Weg nach Patagonien ein Segelboot für die Atlantiküberquerung suchen. Die Saison wäre richtig gewesen. Das Boot-Finden und Timing hat sich als schwieriger als erwartet herausgestellt, so gingen wir auf die Suche nach alternativen Möglichkeiten. Das Ziel war, Flugzeuge zu vermeiden.

Unser Schiff bringt uns in 11 Nächten von Lissabon nach Puerto Rico. 8 ganze Tage am Stück auf See, der Stopp an Tag 3 auf den Azoren wurde aufgrund der Unwetter abgesagt. Das finde ich schade, stört mich aber nicht weiter – erwarte ich doch ein sehr entspanntes Schiff im Stil der Fähre die von Dänemark nach Island fährt. Und auf dem Meer bin ich auch gerne. Umso überraschter sind wir dann, als uns lange Schlangen bei der Einschiffung erwarten. Hier hat es mehr Menschen, als ich mir erhoffte. Und erschreckend viele davon sind Nordamerikaner:innnen. An Tag 3 oder 4 der Überfahrt möchten wir es genau wissen und fragen beim Infodesk nach. Ein Schock – das Schiff ist ausgebucht! Während der Reise sprechen wir mit diversen Passagieren und in den allermeisten Fällen antworten sie dasselbe. Das Hauptziel ihrer Ferien ist diese Überfahrt, sie sind z.B. von den USA nach Lissabon geflogen, haben da eine Nacht verbracht und fahren dann nach Puerto Rico, um von da wieder heimzufliegen. Schräg. Wieso denn? Die Antwort ist eintönig: es war das Billigste.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie an Bord eines Kreuzfahrtschiffes – und hatte es auch nicht vor. So fühlte ich jeden Tag aufs neue eine Mischung aus Faszinierung, Entsetzen und Überforderung angesichts der unzähligen Auswahl an Unterhaltung und Essen an Bord. Auf Decks 5-8 waren eine Vielzahl an Restaurants und Bars zu finden (darunter eine Bar komplett aus Eis), ausserdem diverse Läden (von Souvenirs bis Designeruhren und Schmuck), ein riesiges Casino inklusive Blackjack Tischen und Roulette, ein Theater das Kapazität für über 500 Personen hat und Diverses mehr. Diese Stockwerke haben wir grösstenteils gemieden, aussser für vereinzelte Comedy Shows und Aufführungen im Theater und seltene Mahlzeiten in den à la Carte Restaurants. 

Die oberen Stockwerke waren für uns relevanter. Da war ein Fitnessstudio mit Ausblick vom Laufband direkt aufs Meer, ein grosser Spabereich (ausserhalb unseres Budgets), das riesige Sonnendeck (inklusive diversen Pools, HotPots, 3 Wasserrutschen, einer Kletterwand, Pingpongtischen, Outdoor-Kino und mehr) und das grösste Restaurant des Schiffes (Buffet). 

Das Essen war inklusive. Wann und soviel wir nur wollten. Egal wann, 24h um die Uhr gabs Essen. Zusätzlich gibt es Spezialitätenrestaurants, da wird ein Aufpreis verrechnet für den Besuch. Diese haben wir nicht besucht, doch das unlimitierte Essen haben wir zu schätzen gelernt, auch wenn es Disziplin braucht, sich zu beherrschen. Insbesondere am Buffet gab es eine unglaubliche Auswahl an frischen Produkten wie Salat, Früchte und Gemüse. Ausserdem unglaublich leckere asiatische Gerichte (viele der Köche die wir sahen stammten aus asiatischen Ländern), das klassische Fast-Food Sortimen, Fleisch im Übermass und eine Vielfalt an Desserts. Definitiv mehr, als auf einen Teller passt. Dementsprechend entsetzt war ich von unglaublichen Mengen an unangetastetem Essen auf stehengelassenen Tellern, während sich der/die Besitzer:in bereits mit der nächsten Runde  hingesetzt hat. Zusammen mit dem Eindruck, dass weit über die Hälfte aller Passagiere schwer übergewichtig war hat mich das unglaublich beschäftigt – wenn auch nicht unbedingt überrascht. 

Zusätzlich dazu lassen sich diverse „Unlimited Packages“ erwerben. So zum Beispiel unlimitierte alkoholische Getränke inklusive Bier, Wein und Cocktails für $45/Tag. Dementsprechend waren weder Betrunkene um 10:00 morgens noch fast volle besitzerlose Getränke eine Ausnahme. Man kann die Packages nur für die gesamte Dauer der Kreuzfahrt lösen, und sie müssen ja ausgenutzt werden…

Im Gespräch mit Tommy, der Reinigungskraft unserer Kabine wurde uns erzählt, dass er jeweils 8 Monate am Stück arbeitet, gefolgt von 2 Monaten freier Zeit. Während dieser 8 Monate arbeitet er 7 Tage die Woche. 10 Stunden an einem normalen Arbeitstag, 12 Stunden wenn das Schiff ‚in Port‘ ist, also die Passagiere wechseln. Auf etwas mehr als 4000 Passagiere hat die Norwegian Epic 1500 Crew. Die Mehrheit davon arbeiten in der Reinigung oder in der Gastronomie. Vermutlich mit denselben Arbeitsbedingungen, die Tommy hat. Ich bin immer noch komplett überfordert und fassungslos. Trotz allem waren die Angestellten fast ausnahmslos unglaublich herzlich und freundlich und machten einen interessierten, glücklichen Eindruck. Ich frage mich wieso. Ich vermute, dass sie mit der Arbeit auf dem Schiff einen deutlich besseren Lohn erhalten, als sie in ihrem Heimatland würden. Ein weiteres Zeichen der unglaublich grossen Schere zwischen Arm und Reich auf unserer Welt. 

Michel und ich haben uns mehrfach gefragt, ob wir es wieder so machen würden, könnten wir erneut entscheiden. Wir wissen es nicht. 

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